Wie mutig ist die Bieler Velo- und Verkehrspolitik? Carte Blanche im Bielertagblatt

 Carte Blanche von Matthias Rutishauser im Bieler Tagblatt vom 8.11.19

Die Klima- und Verkehrsemotionen im Herbst 2019 gehen hoch. Einerseits haben wir an den Wahlen eine grüne Revolution erlebt, die Jugend geht für Klimaschutz auf die Strasse und Greta hat den Bekanntheitsstatus von Elvis erreicht.

Andererseits kommuniziert der Bieler Gemeinderat zwei Autofahrverbote beim Bahnhof und demGuisanplatz, logische und mehrfach kommunizierte Schritte zum Einführen eines Kammersystems, um die Bieler Innenstadt vom Durchgangsverkehr zu befreien. Das Resultat: Allenthalben wüste, hasserfüllte Proteste der meist anonymen Bieler Wut-und Autobürger.

BT-Online- User «Boezinger» erklärt das Ende der Demokratie und vermutet eine links-grüne Manipulation der BT-Abstimmung. Lächerlich! Auch Frau Schneider von der SVP mischt sich gewohnt kompetent ein, nun sogar mit einer eingegrünten Argumentation zum Suchverkehr rund ums Stadtzentrum. Mein Tipp, Frau Schneider: Auto stehen lassen und mit dem Velo ins Coop oder an den See!

Um es klar auszudrücken: Ja, die Stadtbewohnerinnen und -bewohner haben ein Anrecht auf verkehrsberuhigte Innenstädte. Und nein, es gibt kein Agglomerations- Wegrecht für eine SUV-Direktverbindung Tüscherz— Mett via Guisanplatz. Deshalb wünsche ich der Bieler Politik einen langen Atem und Rückgrat, die Kritik aus den reaktionären Ecken auszuhalten.

Aber wie weit steht es mit einer mutigen Förderung des Veloverkehrs in Biel? Warum werden der untere/obere Quai oder die Dufourstrasse nicht konsequent zu Velo-Alleen erklärt? Verkehrsberuhigt und vortrittsberechtigt, grosszügig, Stehfahrzeug-befreit und sicher gestaltetet für alle Velofahrenden von 8 – 80?

Die Realität in Biel schaut anders aus: Der Anteil der Velofahrenden stagniert und ist bei Jugendlichen sogar rückläufig. Und Biel ist Schweizer Leader bei den schweren Velounfällen pro Einwohner. Die gerade von Bielern häufig als träge belächelte Beamtenstadt Bern geht unter Ursula Wyss mutig voran. Klare Aussagen wie 25 Prozent weniger verkehrsbedingter CO2-Ausstoss bis ins Jahr 2025 und eine starke Velopolitik zeigen den Weg!

Und Biel? Die präsidiale Stadtplanung macht grosse Pläne und realisiert kleine Schritte, könnte insgesamt aber vieles mutiger machen. Was wir eigentlich von einer grün-roten Regierung erwarten dürften. Denn es ist Aufgabe und Rolle der Politik, Vorstellungen einer Mehrheit auch gegen Widerstände durchzubringen. Schöne Worte in Strategiepapieren ohne definierte Ziele und Zahlen reichen nicht aus.

Ich wünsche mir sehr, dass in Biel eine mutige Verkehrsplanung analog Bern gemacht wird. Deshalb wird Pro Velo im Wahljahr 2020 Politikerinnen und Politikern und Parteien mit einem Forderungsplan beim Wort nehmen.