Rückblick auf 9 Jahre Geschäftsleitung PVBI
Dieser Artikel drückt meine persönliche Meinung aus und deckt sich nicht zwingend in allen Punkten mit der offiziellen Linie des Vorstands.
Politischer Wille vs. Realität auf dem Asphalt
Pro Velo vertritt die Interessen der Velofahrenden und stellt fest: Während in Strategiepapieren viel Veloförderung versprochen wird, hinkt die Realität auf der Strasse hinterher.
Hat sich in Sachen Infrastruktur wirklich etwas bewegt? Die Antwort ist zweischneidig. Einerseits ist der politische Wille seit dem Amtsantritt von Sabine Gresch und der neuen Baudirektorin Lena Frank deutlich spürbarer. Der vor zwei Jahren verabschiedete Sachplan Velo ist ein Meilenstein; er gibt endlich klar vor, was gebaut werden muss. Das Problem liegt jedoch in der Umsetzung: Die Zeithorizonte sind dehnbar und das grösste Manko bleibt bestehen. Noch immer fehlen konsequent getrennte Velowege. Solange wir Velofahrende uns den Raum mit dem motorisierten Verkehr teilen müssen, bleibt die Gefahr allgegenwärtig.
Das Märchen, dass wir «Velolobbyisten» die Stadt ruinieren wollen, ist haltlos. Die Menschen sollen weiterhin arbeiten, einkaufen und ihre Freizeit geniessen – von mir aus auch mit dem Auto. Aber nutzt bitte die im Übermass vorhandenen Parkhäuser, stoppt den unnötigen Suchverkehr und fahrt innerorts gemässigt.
Die Ignoranz der Verkehrsbetriebe
Besonders enttäuschend ist die Haltung der Verkehrsbetriebe Biel (VB). Trotz mehrfacher Versuche unsererseits besteht dort kein Interesse daran, das Fahrpersonal gezielt für die Bedürfnisse und die Sicherheit der Velofahrenden zu sensibilisieren. Ein Blick nach Bern oder Thun zeigt, dass ein respektvolles Miteinander auf engem Raum möglich ist – wenn man es denn will.
Highlights und Lichtblicke
Es gab sie, die Sternstunden. Das Veloforum 2020 im Dispo mit über 100 Teilnehmenden war ein solcher Moment. Ursula Wyss hat dort klargestellt: Es reicht nicht, schöne Statistiken zu führen und Strategien zu entwerfen. Veloförderung muss in den Köpfen der gesamten Verwaltung ankommen. Ob dieser «Velo-Spirit» in der Bieler Behördenlandschaft mittlerweile überall Einzug gehalten hat, wage ich zu bezweifeln.
Ein raueres Klima
Gefühlt ist der Ton auf der Strasse und in den sozialen Medien im Jahr 2026 aggressiver geworden. Ob mit Licht am Tag oder dem Kind auf dem Rücksitz: Regelmässiges Abdrängen oder unnötiges Anhupen gehören leider zum Alltag. Als Vertreter von Pro Velo habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, als Vorbild zu agieren – kein Rotlichtfahren, kein Rowdy-Verhalten. Doch Respekt ist keine Einbahnstrasse.
Wünsche für die Zukunft
Ich hoffe für Biel, dass nach den Niederlagen bei grossen Verkehrsprojekten bald ein echter Befreiungsschlag gelingt. Eine durchgehende Velostrasse entlang des Oberen und Unteren Quais wäre ein starkes Signal. Ebenso wünsche ich mir ein stadtweites Tempo-30-Regime ungeachtet der antiföderalistischen Signale aus Bundesbern.
Ich hinterlasse einen Verein, der mit aktuell 975 Mitgliedern finanziell auf sehr soliden Beinen steht. Pro Velo und besonders die Velobörse werden seit Jahrzehnten von einem treuen Kern getragen. Es ist Zeit, dass nun vermehrt die jüngere Generation das Zepter übernimmt. Mit bald 50 Jahren mache ich daher gerne Platz für frischen Wind, neue Ideen und Köpfe.
Ein Dank zum Schluss
Mein grösster Dank gilt meinen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand. Ohne das Fachwissen und den unermüdlichen Einsatz von Mucki, Dennis, Philippe, Patrick, Barbara, Martin und all den anderen wäre dieser Weg nicht möglich gewesen. Ihr seid das Rückgrat dieses Vereins.
MATTHIAS RUTISHAUSER, ABTRETENDER GESCHÄFTSLEITER
Regionalbeilage Kanton Bern PRO VELO Magazin | Juni 2026