Wo ist der Velostreifen in Brügg?

Pro Velo Biel–Seeland–Jura bernois übernimmt als Interessenvertretung auch immer wieder sehr technische Aufgaben. Dieses Beispiel zeigt, wie es trotz Einsatz des Verbands zu einer unbefriedigenden Strassensituation in Brügg kam. Am 17. August 2020 veröffentlichte das Tiefbauamt des Kantons Bern die Planauflage für flankierende Massnahmen an der Bielstrasse in Brügg. Ziel des Projekts war es, den Durchfahrtswiderstand zu erhöhen, die mittlere Geschwindigkeit zu senken und die Sicherheit für Fussgänger*innen, Velofahrende und Anwohnende zu verbessern.

Ziele erreicht – oder doch nicht?

Gemäss technischem Bericht lag der durchschnittliche tägliche Verkehr (DTV) 2011 bei 8100 Fahrzeugen. Durch die Eröffnung des Ostasts sollte dieser bis 2030 auf 6000–7300 Fahrzeuge sinken. Für den Veloverkehr wurde ein grosser Handlungsbedarf festgestellt. Nach Umsetzung des Projekts sollten laut Bericht alle Referenzstandards erfüllt sein – doch stimmt das wirklich?

Bei der Überprüfung der Pläne fiel insbesondere im Bereich der Überquerung der Nationalstrasse (Ostast) eine lange begrünte Mittelinsel auf. An dieser Stelle beträgt die Fahrbahnbreite 3,5 Meter – zu schmal für sicheres Nebeneinanderfahren. Laut kantonalen Standards wären hier überbreite Fahrstreifen, farblich markierte Velobänder oder überfahrbare Randsteine nötig gewesen. Für Pro Velo ist damit der Sicherheitsstandard klar nicht erfüllt – und die Situation gefährlich.

Einsprache erfolglos

In der Einspracheverhandlung erklärte das Tiefbauamt, die Mittelinsel sei für andere Projektziele nötig und daher «nicht verhandelbar». Eine Anpassung kleinerer Vorinseln wäre möglich, aber keine durchgehende Verbesserung für Velofahrende. Weil die geltenden Normen keine zwingenden Vorgaben für durchgehende Radstreifen ab einem bestimmten Verkehrsaufkommen enthalten, hatte die Einsprache keine Chance auf Erfolg. «Die Normen müssten klar festhalten, dass ab einem DTV von 4000 durchgehende Radstreifen erforderlich sind – auch bei Mittelinseln für Fussgänger*innen»,so Mucki Schlegel von Pro Velo Biel/Bienne–Seeland–Jura bernois. Doch genau diese Klarheit fehlt – unter anderem aus Kostengründen.

Wir bleiben am Ball

Ein Weiterzug hätte juristisch keine Aussicht gehabt. Trotzdem lohnen sich Einsprachen, um Projekte im Sinne der Veloförderung zu verbessern – auch wenn es hier nicht gelungen ist. Mehrere Velofahrende meldeten nach der Fertigstellung, dass die neue Strasse gefährlich bleibt. Das bestätigt die Einschätzung von Pro Velo.

«Wir hoffen, bei künftigen Projekten mehr Gehör zu finden.» – Mucki Schlegel

Die kantonalen Standards entsprechen nicht mehr dem heutigen Wissensstand. Pro Velo Kanton Bern fordert deshalb deren Überarbeitung – eine entsprechende Motion von Stefan Jordi wurde im Grossen Rat eingereicht.

 

Fazit: Die Bielstrasse in Brügg zeigt exemplarisch, wie formell «erfüllte» Normen noch lange keine sichere Infrastruktur für Velofahrende bedeuten. Ohne verbindlichere Standards bleibt Veloförderung oft reine Theorie.