«Veloförderung sieht anders aus»
Interview mit André König, Verkehrs- und Raumplaner und Vorstandsmitglied von Pro Velo Biel
Mit dem Westast A5 schlägt er sich seit 2003 herum. Im Interview erklärt er die Nachteile, die mit dem aktuellen Projekt für Velofahrende entstehen würden.Was war das Problem bei der Planauflage Westast A5?
André König: Die Planauflage ist ein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren, das Betroffenen und berechtigten Institutionen ermöglicht, rechtlich berechtigte Anliegen durchzusetzen. Dabei müssen der Verlauf und die Gestaltungselemente wie Velo- oder Fusswege klar definiert sein – das ist beim Westast nicht der Fall. Deshalb ist die Planauflage unvollständig. Sie ist zudem die einzige Möglichkeit für Verbände, sich mit Einsprachen wirksam einzubringen.
Was würde sich mit dem Ausführungsprojekt (AP) Westast A5 für Velofahrende ändern?
An zentralen Zielorten des Veloverkehrs (Bahnhof, Seevorstadt) würden die Zugänge erschwert – längere Wege, mehr Kreuzungen, mehr Ampeln. Insgesamt entstünde eine massive Verschlechterung gegenüber heute. Zur Festlegung der Velomassnahmen wurde nur etwa die Hälfte des täglichen Verkehrs berücksichtigt, was zu deutlich zu wenigen Velostreifen und Abbiegehilfen führt. Ein klarer Planungsfehler. Veloförderung sieht anders aus.
Ein konkretes Beispiel?
Der gesamte Veloverkehr vom Mühlefeld/Madretsch, der heute über Aebi- und Murtenstrasse direkt und sicher zum Bahnhof führt, hätte keinen Vortritt mehr und müsste zusätzliche Kreuzungen queren. Beim Verresiusplatz würde die Autobahnausfahrt direkt auf den Kreisel geführt – eine gefährliche Situation, da sich Autobahn- und Lokalverkehr mit Velofahrenden mischen. Der bereits heute kritische Kreisel würde überlastet und noch unfallträchtiger.
Wurden die Forderungen der Städte Biel und Nidau berücksichtigt?
Die Massnahmen der städtebaulichen Begleitplanung zeigen gute Ansätze, sind aber nicht gesichert. Die neue Unterführung beim BTI ist nicht enthalten, die Lösungen in den Weidteilen nicht besser als heute. Bestehende Velowege entlang der Bernstrasse würden durch mehr Querungen und Priorität für Fussgänger*innen unattraktiver. Die oft zitierte Verbesserung in der Ländtestrasse/Aarbergstrasse ist sekundär, da sie keine Hauptverbindung darstellt.
Würde sich die Situation mit dem AP verbessern?
Nein. Im Gegenteil – beim Bahnhof, einem der wichtigsten Zielorte, wird ein Vollanschluss gebaut. Das schränkt Sicherheit und Erreichbarkeit deutlich ein.
Welche Chancen bietet die Alternativlösung?
Sie erlaubt eine attraktivere Gestaltung der beiden zentralen Zielorte (Vollanschluss Bienne Centre, Halbanschluss Seevorstadt). Die geringere Verkehrsbelastung in Nidau und auf der Achse Salzhausstrasse–Verresiusplatz würde die Sicherheit für Velofahrende stark erhöhen.
Was hältst du von den Argumenten der Befürworter*innen, die volkswirtschaftliche Vorteile sehen? Ist der Zentrumsanschluss nötig?
Dem Vollanschluss würden höchst wertvolle Flächen beim Bahnhof geopfert – eine städtebauliche Toplage würde einem 270 Meter langen, drei Stockwerke tiefen Loch von der Grösse der Altstadt Nidau geopfert. Das wäre ein volkswirtschaftliches und städtebauliches Desaster.
Ein Vollanschluss im Zentrum ist ein Planungsrelikt aus den 1960er Jahren mit negativen Auswirkungen auf benachbarte Quartiere – wie man es in Bern (Ostring) oder Zürich (Rosengartenstrasse) sehen kann, wo heute teuer zurückgebaut wird.
Geht die Angst um, dass Bundesgelder anderswohin fliessen könnten?
Nein. Der nationale Netzbeschluss steht – das Geld ist vorhanden, unabhängig von der Variante. Eine Prioritätsverschiebung wäre weniger tragisch als ein veraltetes Betonmonster aus den 60ern.
Siehst du beim heutigen Planungsstand einen Ausweg?
Das offizielle Projekt hat viel Fahrt aufgenommen. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass eine faire Beurteilung der Argumente zu einer Neuorientierung führt. Der politische Druck ist da – und er muss bleiben. Stadt, Kanton und ASTRA sollten anerkennen, dass das Ausführungsprojekt so nicht tragbar ist.