Was bringt der Westast-Dialog fürs Velo?
Das Ausführungsprojekt Westast-Biel ist Ende 2020 offiziell beerdigt worden. Dieses Autobahnprojekt hätte die Stadt Biel vom See getrennt, zwanzig Jahre Bauarbeiten ausgelöst und mehrere Autobahnanschlüsse mitten im Zentrum vorgesehen. Wie kam es zu diesem historischen Erfolg einer Bürgerbewegung – und welche Perspektiven zeigen sich für Velofahrende?
Interview mit André König und Mucki Hanspeter Schlegel, die sich stark im Dialogprozess engagierten.
Matthias Rutishauser: Wie intensiv war der fast zweijährige Dialogprozess?
André König: Die breit aufgestellte Dialoggruppe hat sich achtmal getroffen, dazu kamen Workshops und viel Lektüre. Die kleinere Kerngruppe, in der das langjährige Pro-Velo-Vorstandsmitglied André König mitwirkte, erarbeitete die Empfehlungen im Detail. Entscheidend war der konstruktive Dialog mit den Befürworterinnen des offiziellen Projekts. Ohne die fachlich glaubwürdigen Inputs der Expertinnen wäre eine akzeptierte Lösung nicht denkbar gewesen. Zum ersten Mal hat eine Bürgerbewegung ein vom Bundesrat beschlossenes Autobahnprojekt zugunsten einer besseren Lösung zu Fall gebracht – eine historische Pioniertat!
Wie seht ihr die Rolle von Pro Velo im Dialogprozess?
Pro Velo hat die Einsprachen wesentlich mitgeprägt und den Dialogprozess mitangestossen. 2018 kam es zu einem längeren Gespräch mit Regierungsrat Neuhaus, der kurz darauf die Dialoggruppe ins Leben rief – wohl auch, weil ihm die Brisanz bewusst wurde.
Gab es im Autobahnprojekt auch Vorteile fürs Velo?
Nicht wirklich. Die aufgewertete Zone in der Weidteile wäre primär für Fussgänger*innen gedacht gewesen. Velos wären auf die Bielstrasse verdrängt worden – die Nachteile hätten klar überwogen.
Wie wichtig waren die Veloanliegen im Prozess?
Sie waren unbestritten und erhielten starke Unterstützung von der Stadt Biel. Noch nie zuvor gab es so breite politische Zustimmung für eine konsequente Veloförderung. Aber schöne Worte reichen nicht – der Lackmustest kommt bei der Umsetzung.
Wie sieht konsequente Veloförderung konkret aus?
Der Abschlussbericht definiert zwölf Velomassnahmen, mit diesen Prioritäten
1. Sicherheit ins Zentrum stellen: Kreisel sicherer gestalten, Mehrzweckstreifen und gefährliche Mittelinseln vermeiden.
2. Regionale Velo- und Fusswegführung am linken Bielerseeufer, inklusive Brücke über den Nidau-Büren-Kanal.
3. Fokus auf Gewässerräume als grünes Netz von Bözingen bis Nidau und entlang der Madretsch-Schüss.
4. Anbindung Bahnhof inkl. Unterführung Schmiedweg, wie von Pro Velo bereits 2016 gefordert.
Wann werden erste Massnahmen sichtbar?
Die Massnahmen sollen ins nächste Agglomerationsprogramm einfliessen. Wenn erste Umsetzungen in fünf Jahren sichtbar sind, wäre das schon ein Erfolg. Priorität haben Netzlücken wie die Schmiedweg-Unterführung oder die Veloallee entlang der Schüss. Auch das Areal Bahnhof-Süd soll städtebaulich neu gedacht und der motorisierte Individualverkehr reduziert werden.
Welche Rolle spielen die Fachverbände?
Sie könnten aktiv in Projektgruppen mitarbeiten, Ideen einbringen oder Teil einer Reflexionsgruppe sein – so auch Pro Velo.
Warum tut sich Biel mit echter Veloförderung schwer?
Bisher wollte man es allen recht machen. Jetzt scheint der Wind zu drehen: Von offizieller Seite wird klar gesagt, dass das Velo künftig stärker gefördert werden soll – eine langjährige Forderung von Pro Velo.
Braucht es Anpassungen im Sachplan Velo?
Ja. Diverse Elemente des Westast-Dialogs fehlen noch in Sachplan Velo und in der Gesamtmobilitätsstrategie 2035. Die Velo-Priorisierung muss erhöht und die Gewässerräume als grünes Netz verankert werden. Zielbild: kein Klein-Venedig, aber immerhin ein Klein-Amsterdam.
Euer Fazit?
Der Konsens zum Westast zeigt: Jetzt ist es Zeit, Velomassnahmen konsequent umzusetzen! Auf zentralen Veloachsen wie dem Unteren Quai müssen Parkplätze weichen, und sowohl Sachplan Velo wie auch die Mobilitätsstrategie sind entsprechend anzupassen.